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Das Muschelessen – Rezension

Die 1956 in Dahme/Mark geborene Birgit Vanderbeke lebt seit einigen Jahren in Südfrankreich. Für ihre Erzählung „Das Muschelessen“ wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geehrt. Mit „Schmeckt’s? Kochen ohne Tabu“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 160 Seiten, 14,90 Euro) hat die Schriftstellerin ein Kochbuch verfasst, das man gerne in einem Zug durchliest. Die Rezepte sind mit kleinen Anekdoten gewürzt, die den Lesespaß zusätzlich steigern.

Die Gerichte, die von der Autorin am heimischen Herd ausprobiert wurden, haben auf den ersten Blick wenig mit einer elitären Fünf-Sterne-Küche zu tun. Birgit Vanderbeke geht es vielmehr um das sinnliche Erleben beim Kochen und beim Essen. Sie setzt dabei auf die Verwandlung von Zutaten, die selbst in der gehobenen Gastronomie selten auf der Speisekarte erscheinen. Das mag auch daran liegen, dass Hirn, Hammelhoden, Kutteln oder Rinderzunge bei vielen Gästen eher Ekelgefühle hervorrufen. Zu Unrecht, wie Birgit Vanderbeke meint, denn der Ekel entsteht in den meisten Fällen aus mangelnder Sachkenntnis. Fett und Blut am toten Tier lässt sich leicht mit dem Messer entfernen. Aber der ungezwungene Umgang mit der Materie, wie die Autorin ihn predigt, setzt voraus, die sterile Supermarktverpackung zu ignorieren. Stattdessen rät Vanderbeke zu mehr Achtung vor dem, was gegessen wird. Sie hat sich beim Kochen nicht nur mit den Küchengeheimnissen der Koryphäen Bocuse oder Witzigmann auseinandergesetzt, sondern während ihrer Reisen jede Gelegenheit genutzt, in fremde Töpfe zu schauen.

Das Muschelessen

Das Muschelessen

Mit viel Freude am Experimentieren hat sie Rezepte zusammengestellt, die leicht nachzukochen sind. Aber nur wer bereit ist, das eine oder andere Tabu zu brechen, wird sich an den Angeboten begeistern können und letztendlich neue Gaumenfreuden entdecken. Zungengulasch zum Beispiel wird vermutlich erst einmal skeptisch beäugt werden, aber Vanderbeke versteht es, das Rezept so darzustellen, dass schon beim Lesen Lust auf mehr geweckt wird. Das trifft auch auf alle anderen Vorschläge der Autorin zu. Das beginnt bei Suppen, Ragouts aus Rinderzunge oder Kalbszungenfrikassee. Aus Entenmägen lassen sich ebenso leckere Gerichte zaubern wie aus Sepiolen, die gebacken auf den Tisch kommen. Gratinierte Austern und Krebse im Sud dürften auch jeden Gourmet überzeugen. Krakenragout, Kutteln und gratinierte Schweineschwarten bietet Vanderbeke ebenfalls als Delikatessen an. Kochen reduziert sich hier nicht auf das Abarbeiten einer Zutatenliste. Es wird zu einem sinnlichen Erlebnis, das auf das Ursprüngliche zurückführt.

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